Humankind – a force of nature



Der Naturgewalt Mensch

Der Mensch spricht von der Natur
getrennt von sich
So geht er in die Natur spazieren
will sie erleben und entdecken
Lässt sich von ihr inspirieren
will sie schützen, sie erhalten
Will bestimmen was erlaubt und was verboten
Er spricht von Naturgesetzen
und stellt Regeln auf
Will sie verstehen
und lässt nur zu was er beweisen kann
Es ist eine Haltung irrsinnigem Größenwahns
Der Mensch klein und flüchtig in seiner Existenz
sieht sich getrennt von der Natur:
Ich und die Natur
Ist er nicht Teil der Natur?
Fein eingeflochten im Netz des Lebens
Unzertrennlich
Der Mensch ist eine Naturgewalt
Und so wie der Sturm
scheinbar plötzlich in Erscheinung tritt
sein Werk in einem gewaltigen Spektakel vollbringt
nur um dann genauso schnell abzuebben
und neue Bedingungen hinterlässt
für die Fortschreitung des Lebens
So vollbringt der Mensch sein Werk
Nicht getrennt von der Natur
sondern stets im vollen Einklang mit ihr
als Naturgewalt
Und das Leben entfaltet sich
auf die übliche Weise
stets zufällig und doch bestimmt

© Njikoha Ebigbo 2022

Humankind – a force of nature

Humans speak of nature
separate from themselves
So they go for a walk in nature
want to experience and discover it
Let themselves be inspired by it
want to protect it, to preserve it
Want to determine what is allowed and what is forbidden
They speak of the laws of nature
and establishes rules
Want to understand it
and only allow what they can prove
It is an attitude of insane megalomania
Humans, small and fleeting in their existence
see themselves separated from nature:
I and nature
Are they not part of nature?
Finely interwoven in the web of life
Inseparable
Humans are a force of nature
And just as the storm
seems to appear suddenly
performs its work in a mighty spectacle
only to die down just as quickly
and leaves new conditions
for the progression of life
So do humans accomplish their work
Not separate from nature
but always in full harmony with it
as a force of nature
And life unfolds
in the usual way
always random and yet determined

© Njikoha Ebigbo 2022


Flechten besiedeln ein abgestelltes Schiff | Lichens colonising an abondoned ship


Into the light


Hohler Lerchensporn| Hollowroot (Corydalis cava)

Ins Light

In meinen dunkelsten Zeiten
als ich die lautlose Brise
des an mir vorbeiziehenden Todes spürte
und die Angst, das Leben zu verlieren
mir enge Gesellschaft leistete
sehnte ich mich nach dem erlösendem Licht

Die Dunkelheit wog schwer
je mehr ich mich sehnte,
verdichtete sie sich, bis zur Verzweiflung
und ich verlor mich ganz
im Nichts
die Angst zurück lassend

Im Angesicht der Leere
erkenne ich
die Essenz der Natur
Dunkelheit
und Licht
keines geht ohne das andere

Ich habe nichts zu befürchten
denn die Dunkelheit führt zum Licht
noch brauche ich mich zu sehnen
denn das Licht ist einfach
nur auf der anderen Seite der Dunkelheit


Into the light

In my darkest times
when I felt
the soundless breeze of death
passing by me
and the fear
of losing life
kept close company
I yearned
for relieving light

Darkness weighed heavily
the more I longed
thickening,
into despair
until I lost myself
entirely
into nothingness
leaving fear behind
without a hold on me

In the face of emptiness
I realise nature’s essence
darkness
and light
none goes without the other

I have nothing to fear
as darkness leads to light
nor do I have to yearn
for light is always
just
at the other side of darkness

© Njikoha Ebigbo 2022


Winter is astray



Hohler Lerchensporn| Hollowroot (Corydalis cava)

Der Winter hat sich verirrt

Manchmal verirrt sich der Winter,
kehrt zurück,
wenn die ersten Knosen aufbrechen,
wie auf der Suche
nach etwas Zurückgelassenem
Unter der Schleppe seines schneeweißen Gewands
bleicht er die grüne Landschaft aus
und dämpft die knospenden Farben des Frühlings

Und obwohl der Zweck dieser Geschehnisse
sich meinem Verständnis entzieht
fühle ich eine Andeutung eines größeren Schemas
denn nur Akzeptanz, nicht Beschwerde
begleitet diese wiederkehrende Präsenz
Das Muster, das so gewebt,
ist eines des ständigen Wandels
und ergibt ein Gewebe von unendlicher Vielfalt
schimmernd mit unzähligen Möglichkeiten
In diesem Moment der Wertschätzung erkenne ich:
die Rückckehr des Winters
ist nur ein flüchtiger Blick auf das lebendige Gewebe

© Njikoha Ebigbo 2022

Winter is astray

Sometimes winter wanders astray
returning when the first buds break open
as if in search of some left behind
bleaching out the greened landscape
stifling the budding colours of spring
underneath a trailing snow white gown

And although the purpose of these events
is beyond my grasp
there is an inkling of a greater scheme
for only acceptance not complaint
accompanies this returning presence
The pattern thus being woven
is one of constant change
yielding a fabric of infinite diversity
shimmering with uncountless possibilities
In this moment of appreciation
I realise that winter’s return
is just a glimpse of nature’s vibrant weaving

This spring is blue and yellow



Dieser Frühling ist blau und gelb

Den schmalen Pfad hinab, hüpfend
Über entblößte Wurzeln und Gestein
ein reines Herz
vor Vergnügen lacht
mit zarten Berührungen
den Frühlingsvorboten begrüßt

Unter blauem Himmel erschienen
im goldenen Licht der Sonne
die edlen Abgesandten des Frühlings
Blau getupft auf gelb erstrahltem Blattstreu
lächeln sie ihr entgegen
Köpfe sanft wiegend
„Dieser Frühling ist blau und gelb,
und du bist frei“

© Njikoha Ebigbo 2022

This spring is blue and yellow

Down the narrow path
Over exposed roots and rocks
a pure heart skips
laughs with pleasure
as she welcomes with casual touches
tender and sincere
the heralds of spring

Under blue skies appeared
in golden sunlight
Blue specks on yellow radiant leaf litter
they smile at her
heads gently swaying
„This spring is blue and yellow
and you are free“

© Njikoha Ebigbo 2022


Leberblümchen| Liverleaf (Hepatica nobilis)


Spring bears hope



Der Frühling trägt Hoffnung

So ungläubig ich auch sein mag
im Angesicht dieser Verwüstung
weiß ich, du wirst dich durchsetzen
aus dieser winterlichen Verödung

Ich sehe eure Köpfe sich aufrichten
hellblaue Tupfer der Hoffnung
durch die gebräunten Blätter
des letzten Herbstes
zur vollen Blüte erhebend
vor gelber Frühlingskulisse
der heller werdenden Sonne entgegen

Diese zerbrechliche Harmonie,
auf zarten Stängeln aufrecht erhaltend
bestückt mit dem Willen der Natur
zu überdauern
als freie und schöne Wesen

© Njikoha Ebigbo 2022

Spring bears hope

Unbelieving as I may seem
in the face of this depredation
I know that you will push through
this winter‘s desolation

I see your heads uprising
bright blue specks of hope
through the browned leaves of last fall
reaching up to full bloom
against the yellow backdrop
of spring‘s brightening sun

This fragile harmony,
upheld on delicate stalks
endowed with nature‘s will to endure
as free and beautiful beings

© Njikoha Ebigbo 2022


Leberblümchen| Liverleaf (Hepatica nobilis)


Buds of spring



Knospen des Frühlings

Der Morgen ist jetzt blau
wenn die Amseln singen
in mannigfaltigen, süßen Strophen
Die Luft vibriert
voll mit dem Versprechen von Leben
Weckt meine Sinne aus dem Winterschlaf
Beharrlich, dass ich nicht verzichte
auf die vielen leisen Vorboten des Frühlings

Wie viele Male zuvor
war ich in der Einsamkeit des Winters verloren –
trostloser Geist, kahle, verdorrte Welt
Dennoch,
das Leben selbst ist mein Ziel
Ich erhebe mich,
verlasse dieses träge Dasein
auf der Suche nach dem nahenden Frühling

Braune Blätter mit Eis bedeckt
knirschen unter meinen Schritten
wenn ich durch die kahlgeschorenen Wälder streife
Über dem Waldboden streichen
schlanke Finger des Lichts
um auf kleinen tanzenden Blüten zu ruhen
gelbe Köpfe mit grünen Röcken
wiegen sich
im noch leisen Rhythmus des Frühlings

Buds of spring

Morning turns blue
whilst blackbirds speak
in tongues manifold and sweet
That vibrant air
full with the promise of life
wakes my hibernating senses
insisting that I may not forego
spring’s many quiet heralds

How many times before
was I lost in winter’s solitude –
desolate mind, bare withered world
Regardless,
life itself is my purpose
I heave myself up,
leave this wintery bedding
in search of spring’s budding presence

Browned leaves crisp with ice
crunch under my footsteps
as I roam the shaven forests
slender fingers of light crawl
across the forest litter
to rest upon little dancing florets
yellow heads with green skirts swaying
to spring’s yet feeble rhythm


Winterlinge | Winter Aconite (Eranthis hyemalis)


A winter for the soul


Gewöhnliche Waldrebe | Traveller’s joy (Clematis vitalba)

Ein Winter für die Seele

Die langen Schatten des Tages
immerzu verschwimmend
im bleichen Schleier des Nebels
Die Welt vor mir liegend
verdorrend braun
verblassend fad
Ein Motiv verzweifelnd suchend
Kein gelb des Winterlings
aus dem Schnee sich schiebt
Nur die flinken Meisen
mit Gesang und Flügelschwirren
an der Samenvielfalt erfreut

Des Sommers Grün vergessend
beschließe ich mein Glück
im Augenblick zu suchen
Als dann, im blassen Schatten der Kälte
der blaue Schimmer zart liegend
Dagegen nun betrachtet
zauberhaft erhebend
ein verstecktes Wintermotiv
An verdorrten Ranken
der wilden Clematis hängend
weiß gefiederte Samengruppen
mit sanft geschwungene Linien
Das Abbild nehmend
zur Erkenntnis kommend
Der Winter klärt den Blick
und macht die Seele frei


A winter for the soul

The long shadows of the day
are constantly blurred
by a pale misty veil
The world lies before me
withering brown
fading bland
In desperate search
for a motif worth showing
not a single yellow cup
of the winter aconite
emerges above the snow
Only the nimble titmice
with song and wings abuzz
delighted by seeds abound

Forgetting the green of summer
I decide to seek my joy
in that moment existing
Then, in the pale shadow of the cold
a blue shimmer lies softly
Against which
it enchantingly appears
a hidden winter motif
On withered vines
of wild clematis
white feathered seeds
in clusters
with gently curving lines
As the photograph is finally taken
I come to realise
that winter clears my view
and frees my soul anew

© Njikoha Ebigbo 2022


Apperception


Apperzeption

Es hat geregnet
Immer wieder
entzieht sich uns der Winter
Bäche schwellen an
und sprudeln ihre Warnung aus
an Ohren, die durch den Fahrtwind
von hastig geführten Leben
taub geworden sind
Aber die Natur nimmt sich Zeit
Perlen flüchtiger Momente auffädelnd
eine nach der anderen
zu einer Pracht unvorstellbar
Doch vielleicht in großer Stille
könnte ich einen flüchtigen Blick
auf ihr größeres Vorhaben erhaschen


Apperception

Rain has been falling
Over and over
Winter eludes us, again
Streams swell
gushing out her warning
to ears deafened
by the head wind
of lives hastily led
But nature takes her time
threading beads of fleeting moments
one after another
to splendour impossible to imagine
Yet perhaps, in deep stillness
I might catch just one glimpse
of her greater scheme

© Njikoha Ebigbo 2021


The taste of life


Eurasische Wasseramsel | White-throated dipper (Cinclus cinclus)

The taste of life

I walked through life
and discovered its unique fruit
Then when I could taste
of its enticing pulp
I was overwhelmed
by its bitter-sweet taste

But then when I realised
that I cannot savour
the sweet without the bitter
I learnt that relishing the latter
brings rich fulfilment


Der Geschmack des Lebens

Ich ging durch das Leben
und entdeckte seine einzigartige Frucht
Endlich vom verlockenden Inneren kostend
war ich überwältigt
von ihrem bittere-süßen Geschmack

Als ich merkte, dass ich
das Süße nicht ohne das Bittere
genießen kann
lernte ich, dass der Genuß des Letzteren
reiche Erfüllung bringt

© Njikoha Ebigbo 2021


Horror in paradise


Das Helmknabenkraut | The Military Orchid (Orchis militaris)

Ich will leben

Geräuschlos fließt der Bach
Azurblau durch die Schlucht
Darin wehen Pflanzen
wie langes seidiges Haar

Dem Bachlauf folgend
dort wo der weiße Kalkfels
im blauen Wasser sich spiegelt
wähnte ich mich im Paradies

Ein Graureiher fliegt vorbei
rufend, einem Urvogel gleich
Doch bevor mich langsame Flügelschläge
im Tagtraum fortzutragen vermögen
fängt das Schrecken mein Auge

Ein Stock schwingt durch die Luft
Hin und her, immer wieder
trifft mit geübter Präzision
und sein Leben entweicht
dem grau bekleideten Federleib

Ein verstohlener Blick trifft auf meinen
und ich sehe diese Angst
die den Verstand mit Wut vernebelt
Jetzt, zu spät für Reue
der leblose Körper fortgetragen

Dann ist es wieder ruhig
Jungfische springen übers Wasser
während der alte Forellenwärter
alltägliche Handlungen vollführend
Futter über seine Teiche streut

Entsetzen weicht der Trauer
ein Leben gewaltsam genommen
ohne Not und vermeidbar
Ein Graureiher krächzt traurig zustimmend
Und Ich drehe um
seinen Ruf bachaufwärts folgend


I want to live

The stream flows silently
azure blue through the clove
Plants waving therein
their long green silky hair

Along the stream
where the white limestone rock
reflects in blue water
I thought myself in paradise

A grey heron flies by
calling, like a primeval bird
But before its slow wingbeat
carries me away in a daydream
a horrid sight catches my eye

A stick swings through the air
Back and forth, again and again
hits with practised precision
and its life escapes
from the grey-clad feathered body

A furtive glance meets mine
and I see such fear that clouds
the mind with blinding rage
Now, too late for remorse
the lifeless body is carried away

Then it is calm again
Young fish leap across the water
whilst the old trout keeper
performing everyday acts
scatters food over his ponds

Horror gives way to grief
a life taken by force
without Need and so avoidable
A grey heron caws in sad agreement
And then I turn around
following its call upstream

© Njikoha Ebigbo 2021